Warum wir unseren Hörsinn mehr schätzen sollten

Von Mathias Fechter


Gespräch, Rede und Gesang waren einst die wichtigsten Mittel der Kommunikation und der Übertragung von Wissen. Der Zusammenhang von Sprechen und Hören war zentral für frühere menschliche Gemeinschaften. Erst im Laufe der Geschichte wurde die Dominanz einer mündlichen, auf das Hören orientierten Kultur vom Primat des Sehens abgelöst.

Verantwortlich gemacht werden hierfür die entstandene Kulturtechnik des Schreibens, die Erfindung der Zentralperspektive in der Malerei, das Aufkommen des Buchdrucks und die damit einhergehenden Verbreitungsmöglichkeiten von Schriftstücken sowie generell die Alphabetisierung breiter Bevölkerungsschichten. Diese Entwicklungen haben zu einem regelrechten Schub visueller Informationsmittel geführt, der schließlich eine Vorrangstellung des Sehsinns begründete.

Das Sehen wurde fortan wichtigstes Erkenntnismittel. In den sich entwickelnden Wissenschaften wurden „Beweise“ primär auf das Sehen gestützt und bis heute herrscht nicht nur in den Wissenschaften eine Haltung vor, die sich in der Redensart „Ich glaube nur, was ich sehe“ ausdrückt.

Das Hören verlor also an gesellschaftlicher Bedeutung und an seine Stelle trat das Sehen. Als zentrales Wahrnehmungsorgan wurde das Ohr vom Auge verdrängt.

Dies hat sich bis heute fortgesetzt. Die beherrschenden modernen Massenmedien – vom Film über das Fernsehen bis hin zum Internet – sind primär visuell orientiert, ihre Bilder – in Sekundenschnelle global verbreitet – dominieren den gesellschaftlichen Diskurs. Zu dieser bilddominierten Kultur gehört auch, dass wir dem Visuellen viel mehr Aufmerksamkeit schenken als dem Akustischen.

Gleichwohl sind wir in wachsendem Maße akustischen Reizen ausgeliefert, die uns auf spezifische Weise beeinflussen. Der kanadische Komponist und Soundökologe R. Murray Schafer stellt in seinem bereits Ende der siebziger Jahre erschienenen Buch „The Tuning of the World“ fest, dass im Zuge der Industrialisierung alles immer lauter wurde. Während früher einzelne Geräusche mit Unterbrechung vorherrschend waren, ist es heute ein durchgängiges Brummen. Ein „niederfrequentes Grundrauschen“ – verursacht durch Maschinen, Automobile, Haushaltsgeräte, Lüftungen, Klimaanlagen u.v.m. – beherrscht unseren urbanen Alltag. Diese Flut klanglich ununterscheidbarer, monotoner Sounds bezeichnet Schafer als „Lo-Fi-Soundscape“: „In einem Lo-Fi-Soundscape werden individuelle akustische Signale vernebelt durch eine dichte Menge an Geräuschen. Der durchsichtige Klang – Schritte im Schnee, ein Zugsignal in der Ferne oder die Kirchenglocke auf der anderen Seite des Tals – alle verdeckt durch Breitbandrauschen.“

Auch in der Musik, die uns im Alltag begegnet, ist die Lo-Fi-Eigenschaft wiederzufinden. In der Popmusik zeichnet sich beispielsweise die sogenannte „Drone Music“ durch ein niederfrequentes, konstantes Dröhnen aus. In Supermärkten, Kaufhäusern, Restaurants und Kneipen, aber auch Bahnhöfen oder Schwimmbädern werden wir mit verkaufsfördernder Hintergrundmusik – sogenannte „Muzak“ – berieselt. „Muzak“ soll bei den Kunden mit Stilrichtungen wie „New Age“, „Easy Songs“, „Classical“ oder „French Moods“ bestimmte Stimmungen hervorrufen. Die Stimmungsmusiken werden in der Regel als Endlosschleife mit einer Folge ineinander geblendeter Titel abgespielt. Um einen möglichst gleichförmigen Klangfluss zu erzeugen, sind Höhen und Tiefen abgeschwächt und die Lautstärkeunterschiede nivelliert. Auch zu Hause begegnet uns zunehmend diese Form der nivellierten Hintergrundmusik. In vielen Fernsehsendungen – seien es Reportagen, Magazine oder gar Nachrichten – hat sich der Anteil der Passagen mit dieser Musik erhöht.

In einer Lo-Fi-Umgebung ist differenziertes Hören schwer möglich. Laut Schafer verlieren wir unter diesen Bedingungen unsere Fähigkeit bewusst zu hören. Dabei wäre gerade das bewusste und aufmerksame Hören eine wichtige Kompetenz in der heutigen Zeit – nicht nur, weil differenziertes Hören zu schönen und substanziellen Klangerlebnissen führen kann, sondern auch, weil bewusstes Hören auch in einer bilddominierten Welt eine Voraussetzung für Autonomie und Selbststeuerung darstellt.

Der Hörsinn ermöglicht es, unser Empfinden und unser Verhalten auf vielfältige Weise zu beeinflussen. Akustische Sinnesreize werden zuerst in den für die Körpergrundfunktionen und Gefühle zuständigen Hirnarealen verarbeitet und erst dann zur rationalen Bearbeitung in andere Hirnregionen weitergeleitet. Sie haben direkten Einfluss auf unseren Hormonhaushalt, unsere Atmung und unsere Muskelspannung, auf unseren Herzschlag, unseren Hautwiderstand wie auch unser Verdauungssystem. Klänge, Töne oder Musik rufen auf diese Weise Emotionen hervor und können in Sekundenschnelle Erinnerungssequenzen aktivieren. All dies geschieht oft unbewusst. Dadurch ist ein großer Spielraum gegeben, unsere Stimmung, unsere Einstellungen und Bewertungen unterschwellig zu beeinflussen.

Diese Möglichkeit uns über den Hörsinn direkt und oft auch unbewusst emotional zu erreichen, machen sich auch die Sounddesigner zu nutze. Sie sind darauf spezialisiert, Konsumgüter – vom Auto über das Flaschenbier bis zum Haarfön – akustisch aufzupeppen und deren Klang für verschiedene Zielgruppen attraktiv erscheinen zu lassen. Beim Audio Branding wird eine Marke mit Sounds oder Musik für das Gehör inszeniert, um ein positives Markenimage zu generieren. Sounds und Musik spielen generell in den audio-visuellen Medien eine wichtige, aber oft unterschätze Rolle. In Filmen entfalten sie ihre Wirkung oft auf unterschwellig-suggestive Weise. Sie rufen Stimmungen hervor, bereiten auf kommende Ereignisse vor, lassen eine Figur in positiven oder negativen „Licht“ erscheinen und lenken auf diese Weise die Wahrnehmung des Publikums. Im Hörfunk ist – wie der Name bereits anzeigt – die akustische Ebene zentral. Auch hier werden Markenimages akustisch inszeniert und Musik suggestiv eingesetzt. Die Überzeugungskraft des gesprochenen Wortes kommt hier am besten zur Geltung. Von der suggestiven Kraft des Massenmediums Radio zeugen auch die Versuche der Vergangenheit, es als Propagandainstrument zu missbrauchen.

In unserem Alltag sind wir also vielfältigen akustischen Beeinflussungen und Botschaften ausgesetzt, die unterschwellig oder manipulativ wirken können. Auch aus diesem Grund sollte dem Hören wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt, dem Ohr gegenüber dem Auge wieder mehr Gewicht gegeben werden. Ein geschultes und aufmerksames Hören kann helfen, den akustischen Einflüssen nicht ungeschützt ausgeliefert zu sein. Auditive Wahrnehmungs- und Rezeptionskompetenz ermöglicht eine reflexive Distanz zu den uns umgebenden Klängen, lässt sie uns besser beurteilen und schützt auf diese Weise unsere Autonomie. In diesem Sinne ginge es um eine stärkere Wertschätzung des Akustischen in einem vermeintlich visuellen Zeitalter.

© Bild: Tim Pearce, „listen (069/365)“, Creative Commons (CC BY 2.0)