Von Mathias Fechter und Susanne Gölitzer

Wir schütteln ungläubig den Kopf über Menschen, die zu radikalen Meinungen neigen und Parteien wählen, die wir nicht für demokratietauglich halten. Wir regen uns über Menschen auf, die lautstark etwas gegen Minderheiten, Emanzipation und Europa vorbringen, wir sind erschüttert über die Gewalt der Autonomen in Hamburg und der Polizei gleichermaßen. Wir, das sind die aufgeklärten, kulturell aufgeschlossenen, in vielfacher Weise engagierten, bewusst lebenden Stadt- und Landbewohner, die in Polen und Ungarn zuweilen als Fahrrad fahrende Warmduscher beschimpft werden. In einer Zeit, die einem nationalistischen Rollback ausgesetzt ist, kämpfen wir für eine Form der internationalen und kulturellen Begegnung, die zukunftsoffen ist und für ein demokratisches Zusammenleben, in dem niemand Angst haben muss, sozial und wirtschaftlich ein für alle Mal abgehängt zu werden.

Allerdings leben wir in einer wahrhaft unübersichtlichen Gegenwart: Trump kündigt den Konsens des Westens auf. Die EU droht an ihren inneren Widersprüchen zu zerbrechen, die Flüchtlingsdebatte hat deutlich gemacht, wie wenig sich die Mitgliedsstaaten noch auf gemeinsame Grundwerte verständigen können. Zugleich nehmen die globalen Probleme zu, trotz internationaler Vereinbarungen schreitet der Klimawandel scheinbar unaufhaltsam voran. Wie mit diesen Problemen umzugehen sei, ist auch in Deutschland höchst umstritten. Oder anders und grundsätzlicher ausgedrückt: Als Gesellschaft haben wir noch keine gemeinsame Lösung dafür, wie wir Freiheit und Lebenssicherheit bewahren und zugleich den zerstörerischen Umgang mit Natur reduzieren können. In weiten Teilen herrscht in Worthülsen getarnte Ratlosigkeit vor, geschweige denn, dass es einen gesellschaftlichen Verständigungsprozess über mögliche Lösungswege gäbe.

Wir müssen also darum kämpfen, die Kapazitäten für gesellschaftliche Lernfähigkeit zu erhöhen. Neue Problemlagen erfordern neue Lösungsansätze und diese können nur durch gesellschaftliche Lernprozesse entwickelt werden. Die Mittel dieses Kampfes sind Worte, Kunst, Literatur und Engagement. Damit ein Kampf gesellschaftliche Relevanz haben kann, muss er öffentlich ausgetragen werden. Es geht um die Gestaltung öffentlicher Räume, um Begegnungsorte und -zeiten, in denen unterschiedliche Menschen zu Wort kommen können, um Gelegenheiten, an denen man nicht unter seinesgleichen bleibt, an denen man nicht nur mit denen spricht, die die gleiche Meinung teilen, an denen man nicht allein auf die trifft, die ohnehin das gleiche denken.

Wir sollten Gelegenheiten schaffen, die einen Dialog unterschiedlicher Menschen aus unterschiedlichen Milieus ermöglichen. Denn alle Stimmen in einer Gesellschaft drängen zum Ausdruck. Auch wenn man sie nicht anhören, sie nicht wahrnehmen möchte, werden sich diese Stimmen einen Ort, eine Gelegenheit suchen. Und meist geht es zunächst um das Äußern und Vertreten von Meinungen und Erfahrungen, weniger um die Durchsetzung einer Stimme in machtvolle Position. Es geht um öffentliche Räume, in denen soziale und kulturelle Erfahrungen öffentlich werden dürfen und müssen, ohne dass daraus sofort eine politische Meinung und Position werden muss. Erfahrungen müssen in einer pluralen Gesellschaft erst geteilt werden, bevor sie zu einem Konsens führen und schließlich politisch umgesetzt werden. Und nur so kann verhindert werden, dass Einzelne ihre Meinung mit Gewalt durchzusetzen versuchen.

Anders als in einer Diskussion, bei der Entscheidungsfindung und der Kampf der Argumente im Vordergrund stehen, dienen die Regeln und Verfahrensweisen des Dialoges dazu, die Gesprächspartner in die Lage zu versetzen, abweichende Sichtweisen der anderen akzeptieren zu lernen – selbst, wenn diese für inakzeptabel gehalten werden. Die in den Äußerungen enthaltene Behauptung ihrer „Richtigkeit“ wird dafür zunächst zurückgestellt und hinsichtlich ihres Geltungsanspruchs in der Schwebe gehalten. Dies ermöglicht den Teilnehmern, sich für die Ansichten und Meinungen der anderen zu öffnen und die dahinterliegenden Erfahrungen in den Blick zu nehmen. Auf diese Weise kann in einem Dialog das Feld der Möglichkeiten erweitert werden, es wird sichtbar, dass es mehr Denkmöglichkeiten gibt, als von jedem Gesprächspartner bisher für möglich gehalten wurde. Das Wechselspiel der ausgetauschten Gedanken kann Anstöße für neue Gedanken bieten. Die widersprüchliche Vielfalt der geäußerten Gedanken und Erfahrungen regt dazu an, verschiedene Einzelaspekte neu zu kombinieren und nach Zusammenhängen zwischen den Unterschieden zu suchen. So kann Neues entstehen, das ohne diesen Anstoß nicht entstanden wäre.

Ein Dialog in diesem Sinne hat umso mehr Chancen, wenn er sich nicht direkt auf politische Entscheidungsfragen, sondern auf die Ebene bezieht, die politischen Positionierungen zugrunde liegt: Wertvorstellungen, ethische Prinzipien, Welt- und Menschenbilder oder Vorstellungen vom richtigen Leben. Sie stellen Grundannahmen dar, die bestimmenden Einfluss auf die politische Einstellung eines Menschen haben. Sie sind quasi die Axiome einer politischen Meinung und resultieren aus persönlichen Erfahrungen und deren mehr oder weniger bewussten Verarbeitung. Der Bezug auf diese Ebene bietet die Möglichkeit, dass prinzipiell alle als „Experten“ ihrer eigenen Erfahrungen und Sichtweisen an einem Gespräch teilnehmen können. Da nicht politische Entscheidungsfragen im Vordergrund stehen, sind die Gesprächsteilnehmer von dem Druck entlastet, sich entsprechend gängiger politischer Konstellationen positionieren zu müssen. Man kann sich über – auch immanent politische – Grundannahmen verständigen, ohne sich gleich in einen politischen Stellungskrieg gedrängt zu fühlen. Auf diese Wiese können in einem Dialog Erfahrungen und Annahmen in den Blick genommen werden, die ursächlich für Differenzen sind, und ein besseres Verständnis für vorhandene Unterschiede wie auch der Gemeinsamkeiten hergestellt werden. Der Dialog kann so gemeinsame Lernprozesse initiieren und die Entwicklung neuer Lösungswege unterstützen, die in der heutigen Zeit dringend benötigt werden.

Gelingt uns aber genau dies oder bleiben wir viel zu häufig unter uns? Gelingt es dem aufgeklärten, kulturell offenen, sozial verantwortlichen und demokratisch gesinnten Milieu, seine Echokammern zu verlassen und mit anderen Stimmen in den Dialog zu treten oder gruseln wir uns lieber vor dem Fernseher, wenn wieder mal ein Bericht von irgendwoher erscheint? Auch mit denen, die vermeintlich seltsam, inakzeptabel oder unangenehm daherreden, muss gesprochen werden, schon gar mit dem, der ganz bewusst und überlegt (hoffentlich) nicht konsensfähige Positionen vertritt. Wir sollten den Sprung ins Ungewisse, ins Gespräch mit offenem Ausgang wagen und versuchen, Räume und Öffentlichkeit für unterschiedliche Stimmen in der Gesellschaft herzustellen. Dies kann in der Schule, im Verein, auf dem Fußballplatz, auf dem Wochenmarkt, auf der Straße geschehen. Für die Begegnung unterschiedlicher Menschen, mit unterschiedlichen Schwierigkeiten, die nicht immer nur privat sind, sondern Ergebnis gesellschaftlicher Veränderungsprozesse, braucht es Initiativen, die bewusst Gelegenheiten zum Dialog bieten. Hierzu gibt es durchaus einige Beispiele, die vielleicht nicht immer einen Dialog garantieren, aber doch zumindest häufig dialogartigen Charakter haben: In einem Salon (beispielhaft: Salon Slalom in Frankfurt am Main) werden häufig gesellschaftliche und kulturelle Themen in zwangloser Runde besprochen, mitunter auch diskutiert. In kommunalen Beteiligungsverfahren (Schulentwicklungspläne u.Ä.) sind verschiedene Bevölkerungsgruppen eingeladen, sich zu äußern und miteinander ins Gespräch zu kommen. Wenn diese Beteiligungsverfahren ergebnisoffen sind, können hier ganz unterschiedliche Wahrnehmungen einfließen. Auch in Schule und Hochschule sind Menschen aus ganz unterschiedlichen Milieus immer wieder bemüht, gemeinsam über die Grundlagen unseres Zusammenlebens nachzudenken. Generell sind eher die Organisationen in der Lage, Menschen verschiedener Herkunft und mit unterschiedlichen Interessen zusammenzubringen, die (partei-)politisch nicht zu eindeutig positioniert sind. Dies können Gewerkschaften, Kirchen, Stiftungen oder Bundes- und Landeszentralen der politischen Bildung sein. Dabei muss deutlich gemacht werden: ein Dialog braucht einen Raum, zu dem alle zugelassen sind, aber nicht alles zugelassen ist. Die wichtigste Grundregel ist das Einverständnis, miteinander zu sprechen, einander zuzuhören und nach einem verbindenden Moment zu suchen. Diese Suche braucht Zeit, Ruhe und Gelassenheit, dann können Befürchtungen, unterschiedliche Wahrnehmungen und möglicherweise auch radikale Ansichten formuliert werden. In einem Dialog kann mit allen gesprochen werden, die sich auf den Dialog einlassen. Gerade diese Eigenschaft eines öffentlichen, aber vertraulichen Raumes macht den Dialog für die mediale Inszenierung unbrauchbar. Eine solche Inszenierung (z.B. eine Talkshow) würde einem Dialog widersprechen. Eine Debatte gewinnen, Stimmen machen, jemanden überzeugen, jemandem Paroli bieten, jemanden überbieten und argumentativ angreifen sind legitime Handlungen im politischen Kampf um Mehrheiten. Deshalb kann auch nicht jedes Gespräch im öffentlichen wie im privaten Raum ein Dialog sein. Mitunter müssen Streitigkeiten ausgetragen, Diskussionen geführt und Entscheidungen gefällt werden. Im Dialog geht es aber darum, möglichst alle Stimmen zu hören und Verbindungen zu suchen, die möglicherweise im hitzigen Kampf der Argumente nicht erkennbar sind.

Ein sicheres Fundament gemeinsam geteilter Werte und Normen, eine Verständigung auf gemeinsame Verfahren, wenn man sich nicht einig ist, eine Einsicht in die Akzeptanz von Unterschieden, die man nicht verstehen kann sowie das Finden von neuen Lösungen für akute Probleme – all dies kann heute nur in einer dialogischen Kultur gelingen. Auch wenn der Dialog immer wieder scheitern kann, angesichts der aktuellen Problemlagen, scheint es dazu keine Alternative zu geben.