Von Susanne Gölitzer und Mathias Fechter

lernenbrauchtfreiheit
Es dürfte unbestritten sein: Schulen gehören zu den wichtigsten Sozialisationsinstanzen unserer Gesellschaft. Wahrscheinlich wird deshalb auch so heftig darum gestritten, welche Schulformen eine Gesellschaft braucht und was Kinder und Jugendliche in Schulen lernen sollten. Leider wird in öffentlichen Debatten, die sich mit Bildung und Schule beschäftigen, häufig nur Altbekanntes ausgetauscht. Die Argumente für oder gegen Noten, für oder gegen das dreigliedrige Schulsystem, für oder gegen spezifische Fächer sind in der Regel bekannt und werden allenfalls je nach Zusammenhang neu zusammengestellt. Selten wird danach gefragt, wie wir eigentlich selbst gerne in der Schule lernen würden. Selten wird danach gefragt, wie wir uns eine gute Schule vorstellen. Selten wird nach den Begründungen für spezifische Meinungen gefragt, sondern es wird vorschnell politisch eingeordnet. In einem Dialog Think-Tank zum Thema „Schule neu denken“ haben sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf einen Dialog zu der Frage, wie sie sich eine Schule vorstellen, auf die sie selbst gerne gehen möchten und welche positiven eigenen Lernerfahrung sie in ihrem Leben gemacht haben, eingelassen.

Einen Dialog beginnen

Zu Beginn des Dialogs sollen die Teilnehmer Bilder zu positiven Lernerfahrungen aussuchen und schildern, welche Erfahrungen sie damit verbinden. Die Bilder liegen auf einem Tisch aus. Die am Dialog Beteiligten kennen sich mit wenigen Ausnahmen untereinander nicht. Sie kommen aus unterschiedlichen Berufsfeldern. Unter den Dialogteilnehmerinnen und -teilnehmern sind auch zwei Schülerinnen, die zu dem Zeitpunkt des Dialogs in die zehnte Klasse einer Integrierten Gesamtschule in Frankfurt am Main gehen.

Der Dialog beabsichtigt nicht, dass der Begriff des Lernens in seiner Differenziertheit expliziert und versprachlicht wird. Es ist vielmehr beabsichtigt, Menschen, die sich nicht kennen und eine ganz unterschiedliche Sicht auf die Schule haben, so miteinander ins Gespräch zu bringen, dass über die persönlichen Erfahrungen eine neue Perspektive auf die schulischen Lernprozesse entwickelt werden kann. Wenn man sich nicht immer wieder in gesellschaftlichen Debatten auf die bereits bekannten Positionen und politisch meist bereits besetzten Positionen zurückziehen möchte, dann ist es notwendig, über die eigenen Erfahrungen sprechen zu lernen und zwar mit dem erklärten Ziel, darüber die Zukunft gestalten zu lernen. Insofern also denkt man die Schule neu, wenn man auch nichts ganz Neues erfindet. Es gibt in einem solchen Dialog keine Machbarkeitsbeschränkungen. Es wird nicht gefragt, welche rechtlichen Voraussetzungen erst geschaffen werden müssen.

Es wird in unserer Darstellung von vier wichtigen Aspekten des Lernens, die in dem Dialog zur Sprache kamen, nicht differenziert zwischen Können und Wissen (vgl. Gölitzer 1999) oder zwischen fachlichem und lebensweltlichem Wissen. Es geht hier vielmehr um die Darstellung eines Dialogprozesses, die mit den Mitteln philosophischer Erörterung arbeitet. Wir führen aus, vergleichen, beschreiben Beispiele, suchen passende sprachliche Bilder und Begriffe, die den geäußerten Erfahrungen angemessen sind.

Bilder des Lernens

In der Vorstellungsrunde mit Hilfe der Bilder kommen bereits viele Aspekte von Lernen, die emotional und kognitiv positiv besetzt sind, zur Sprache, die dann im folgenden Dialog weiter vertieft und ausdifferenziert werden. Während die einen stärker die Erfahrung thematisieren, dass sie eigene körperliche, kognitive oder auch emotionale Grenzen überwinden mussten, um zu lernen, einen Berg mit Skiern herunter zu fahren, hoch in den Baum zu klettern, um das Obst ordentlich zu pflücken oder sich auf den Inlinern wendig bewegen zu können, und diese Überwindung mit Gefühlen von Angst, Unsicherheit und Unkenntnis zu tun hatte, während andere erfahrene Erwachsene ihnen wohlwollend zugeneigt waren und ihnen Sicherheit im Tun geben konnten, akzentuieren in der Anfangsrunde andere stärker den Aspekt der Freiheit und die Freude beim Lernen. Ein Teilnehmer berichtet, wie er aus einem antiautoritären Kinderladen in die Grundschule kommend die Erfahrungen mit anderen Schulkindern machte, dass diese ihre Freiheit erst gesucht hätten, während die Kinder aus dem Kinderladen tatsächlich lernen wollten. Eine andere Teilnehmerin beschreibt, wie sie es genieße, über das Internet an alle möglichen Lernangebote kommen zu können und jederzeit und an jedem Ort etwas lesen oder sich etwas anschauen zu können. Ein dritter Teilnehmer formuliert außer dieser Freiheit, sich einem Lebewesen oder einem Gegenstand zuzuwenden auch die Freude, die dadurch entstünde, dass man es mit anderen gemeinsam in einer schönen Umgebung tue. Ein dritter Aspekt, der in der Anfangsrunde bereits deutlich formuliert wird, ist der starke Einfluss durch wohlwollende, aber auch kundige Erwachsene, die durch ihr Tun Lernende beteiligen. Das Motiv des Grenzenüberwindens, der Freiheit, des begeisterten Experten und leidenschaftlichen Kenners und der Freude am gemeinsamen Tun ist bereits nach dreißig Minuten Dialog ganz deutlich geteilt.

Vertiefung einzelner Aspekte

In einem Dialog werden die eigenen Erfahrungen so miteinander geteilt, dass sich daraus Anknüpfungspunkte für die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer ergeben können. Es werden keine theoretischen oder politischen Konzepte formuliert und ausgetauscht. Die Anbindung des Gesagten an die eigene Erfahrung führt dazu, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr persönlich reden. Gleichwohl entwickeln sich in der Regel Gedanken und Bezüge, die über das persönliche Erleben hinausgehen. Es liegt gewissermaßen in der Natur des Dialogs, dass das Gespräch nicht einzelne Aspekte nacheinander abhakt oder abhandelt, Argumente nicht gegeneinander gehalten und diskutiert werden, sondern dass Bezugnahmen und Vertiefungen eher mäandern. Man müsste den Dialog nacherzählen, wenn man seinen Verlauf und seine Vielfalt einfangen wollte. Wir versuchen hier aus dem Dialog vier Aspekte, wie sie bereits in der Anfangsrunde formuliert wurden, herauszudestillieren. Diese vier Aspekte beschreiben sowohl die positiven persönlichen Lernerfahrungen und sind zugleich möglicherweise für eine Neukonzeptionalisierung von Schule oder schulischem Lernen bedeutsam:

  1. Freiheit
  2. Durchdringung
  3. Gemeinsamkeit
  4. Willen oder Antrieb

Die vier Aspekte wurden im Dialog auf je unterschiedliche Weise akzentuiert und illustriert. Es sind subjektiv bedeutsame Aspekte von Lernerfahrungen, die kommunikativ mitgeteilt werden. Sie werden also besonders betont. In unserer Darstellung binden wir die unterschiedlichen Überlegungen zu Fäden zusammen. Wir fassen also zusammen, stellen Zusammenhänge her, die im Dialog nicht an derselben Stelle explizit hergestellt wurden und fokussieren in der Darstellung auf die genannten vier Aspekte. Darüber hinaus gibt es noch zahlreiche Einzelaspekte, die nicht weniger bedeutsam erscheinen. Wir versuchen sie in unserer Darstellung einzufangen.

 

  1. Freiheit

Die schönsten und lebhaftesten Lernerfahrungen sind meist die, die in Freiheit geschehen sind. Entweder hat man sich selbst entschlossen, etwas zu lernen oder man hat eine Anregung bekommen und hat sich angesichts der Begeisterung eines anderen dazu frei entschieden. Dabei ist es unerheblich, ob man ein Können oder Wissen erwerben möchte. Indem man sich frei zum Lernen entscheidet, erfährt man die eigene Leistung als Glück und davon kann man kaum genug bekommen! Es ist sehr befriedigend. Man lernt in der Regel nicht nur etwas beherrschen oder etwas kennen, sondern auch etwas über sich. Man lernt seine Grenzen kennen und sich emotional einzuschätzen. Unter Umständen gewinnt man so viel Zutrauen in sich, dass man sich von schlechten Erfahrungen befreien kann. Das Lernen lernen wird wahrscheinlich auch deshalb als besonders erstrebenswert betrachtet, weil man – hat man einmal gelernt, sich selbst etwas anzueignen – dies auf die Art und Weise machen kann, die einem selbst am besten liegt: über das Internet, durch das Machen, durch die praktische Arbeit, durch das Nachmachen, durch Hören oder Lesen…

 

  1. Durchdringung

Mit dem Begriff der „Durchdringung“ soll ein Aspekt der Erfahrung beschrieben werden, der an verschiedenen Stellen deutlich wurde, aber mit ganz unterschiedlichen Begriffen bezeichnet wurde: „Kontakt zu mir selbst“, „Flow“, „vertieft“, „Passion“ waren Begriffe, die in den Erzählungen zu den positiven Lernerfahrungen vorkamen. Es wird damit einerseits betont, wie sehr eine Lernsituation als Selbst-Erfahrung erlebt wird, in der der Lernende das Gefühl hat, ganz bei sich und seinem Bedürfnis zu sein, eben „in Kontakt mit sich selbst“ zu sein und andererseits wird damit ein Zustand beschrieben, in dem eine Sache, eine Frage, eine Tätigkeit tief durchdrungen wird, so aufgenommen wird, dass es den Lernenden nicht mehr loslässt. Beide Aspekte sind im Zustand des Lernens, das aus eigenen Stücken und mit der inneren Haltung der Zugewandtheit, erfahrbar.

 

  1. Gemeinsamkeit

Einige der Situationen, von denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer berichten, akzentuieren besonders die Verbundenheit zu anderen Lernenden, also die peers oder auch die Verbundenheit zu Lehrern, die die Lernenden begeistern konnten. Was genau jemanden besonders anspricht, ist dabei sehr unterschiedlich. Es kann die leidenschaftliche Vertiefung in ein Thema oder die Kompetenz der Anderen sein, die begeistert. Aber auch die Situation, in der man selbst mit anderen Lernenden gemeinsam ein Thema exploriert und erkundet, wird als befriedigend erlebt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erleben sich dann selbst als wirksam und aktiv. Sie können eigene Schwerpunkte setzen und stehen nicht unter Bewertung. Deshalb sind sich alle einig, dass die Schule die Toren aufmachen müsse für alle möglichen Personen und Experten mit unterschiedlichen Kompetenzen. Wenn man etwas in der Schule einbringen kann, dann erlebt man sich als fachkundig und hat etwas erreicht. Es wäre schön, wenn man in der Schule sein Wissen und seine Fähigkeiten einbringen dürfte und das überhaupt verschiedene Menschen tun könnten. Denn Lehrer sind nicht immer Experten. Eigentlich ist es ja auch schön, wenn man nicht alles weiß und wissen muss. Außerdem findet das Lernen in der Schule immer zum falschen Zeitpunkt statt, meinen mehrere Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Das Lernen im gemeinsamen Tun und der ernsthaften, im Sinne einer subjektiv bedeutsamen, Handlung, braucht auch, so eine Teilnehmerin, eine Korrektur im Machen. Erst über das eigene Tun habe sie wirklich Dinge begriffen. Und wenn Experten dann an entsprechender Stelle zur Verfügung stünden, gäbe es kaum das Problem der Unzeitgemäßheit von Themen und Fragestellungen. Allerdings fragt sie selbst, ob man alles über’s Machen erwerben könne oder ob es nicht auch theoretisches Wissen gäbe.

 

  1. Willen und Antrieb

In der Schule sitze man zu viel Zeit ab, oft habe man im gemeinsamen Tun rund um die Schule mehr gelernt als im Unterricht. Eine leichte Kontroverse gibt es darüber, ob Lernen auch mal Mühe, Anstrengung und Überwindung kosten solle. Vielleicht müsse man auch mal seine Grenzen überwinden. Eine Teilnehmerin hat die Erfahrung, dass das Lernen auch nicht zu einfach sein darf. Man muss sich schon herausgefordert fühlen, die eigenen Grenzen auch zu überwinden, sonst verliere man auch schnell die Lust. Denn oft geht es um das Können, ich will etwas können und eine Herausforderung haben. Aber wollen muss man es schon, sonst wird man es auch nicht lernen. Dann kann man auch einen Widerstand überwinden. Wenn man gezwungen wird, etwas zu lernen, dann wird man es nicht lernen. Die Kontroverse löst sich in dem Begriff der Freiheit auf: Wenn ich selbst zur Anstrengung bereit bin, nehme ich diese auch auf mich.

 

Diese vier Aspekte des Lernens werden im Verlauf des Dialogs entwickelt. Die Form des Gesprächs regt dazu an, in Ruhe und langsam über die eröffneten Aspekte und Erfahrungen nachzudenken. Insgesamt erscheint die Schule als eine bedeutsame und subjektiv relevante Begegnungsstätte, in der Schülerinnen und Schüler und Lehrerinnen und Lehrer einander begegnen können, wenn sie Freiheit, Durchdringung, Gemeinsamkeit und individuelle Zugangsweisen zulässt. Um eine positive Lernerfahrung machen zu können, braucht es zwei persönliche und zwei soziale Aspekte. Die persönlichen Aspekte sind mit „Durchdringung“ und „Willen und Antrieb“ umschrieben worden. Um sich im Einklang mit sich selbst einem Lerngegenstand zu nähern, muss diese Annäherung als persönlich relevant oder besser noch bedeutsam erfahren werden. Die innere Beteiligung wird erlebt als Prozess, der in zwei Richtungen geht: einerseits fühlt man sich selbst von einer Sache bzw. einer Fragestellung durchdrungen und andererseits gewinnt man zunehmend das Gefühl, man durchdringe eine Frage so, dass man kundiger oder fähiger wird. In jedem Fall lernt man mit einer erheblichen persönlichen Beteiligung. Der Aspekt des Willens ist dagegen etwas weniger mit emphatischen Begriffen zu beschreiben. Hier geht es vielmehr darum, sich innerlich so auf einen Vorgang, einen Zusammenhang oder eine Beobachtung einzustellen, dass man Schwierigkeiten im Verstehensprozess oder im Erwerbsprozess aus eigenem Antrieb meistert.

Diese persönlichen Anteile sind ohne Zweifel in der Schule nicht immer leicht zu ermöglichen. Es gibt in der Schule auch Themen, Zusammenhänge und Handlungsabläufe, die mit weniger persönlicher Beteiligung auskommen müssen, so lange erwartet wird, dass Kinder und Jugendliche zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas Bestimmtes Können und Wissen sollten. Es ist aber ohne Zweifel möglich, diese persönliche Beteiligung häufiger und mit größerer Sorgfalt anzustreben.

Die Aspekte „Freiheit“ und „Gemeinsamkeit“ würden wir als soziale Aspekte bezeichnen, insofern als sie mit der sozialen Konstruktion des Lernens in der Institution Schule verbunden sind. Die Möglichkeit, sich einem Lernprozess auch verweigern zu können und sich die Menschen, mit denen man lernen möchte, selbst aussuchen zu können, sind ganz bedeutsame Aspekte des Lernens. Die Schule wird in der Regel als eine Institution erfahren, in der man sich nicht frei entscheiden kann, ganz im Gegenteil müssen Kinder und Jugendliche eher ihre Freiheit und ihren Drang zu persönlicher Entwicklung gegen das unterrichtliche Setting verteidigen. Dies scheint sich außerordentlich hemmend auf die Lernmotivation auszuüben, so die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Das soziale Setting in der Schule müsste hier viel stärker als bisher eine Wandlung erfahren.

Schule neu denken

In Deutschland hat in der Regel jeder eine Schule besucht und seine guten und schlechten Erfahrungen gemacht mit Lehrerinnen und Lehrern, dem Unterricht und dem Lernen. In der pädagogischen Diskussion bleiben Pädagogen gleichwohl meist unter sich und streiten. Unseres Erachtens sollten wir den wertvollen Erfahrungsschatz von vielen Menschen im Dialog viel häufiger bergen und für die Veränderung von Schule nutzen. Denn einen Veränderungsbedarf sehen die meisten Menschen.

 

Literatur

Gölitzer, Susanne (1999): Unterrichtsbesprechungen in der Deutschlehrerausbildung. Frankfurt am Main: Lang.