Von Susanne Gölitzer

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Sprechen wir über Frankfurt am Main: Hier lebt der kritische Geist und wohnen viele Familien. Die Bevölkerung wächst und die Stadt muss Schulen bauen. Jeden Tag kann man es in der Zeitung lesen: Jedes Viertel will sein Gymnasium, zwischendurch auch mal eine Gesamtschule. Der Stadtelternbeirat ist schon lange der Meinung, man brauche mehr Gymnasien um die Ecke, die zitierten Eltern in der Zeitung auch. Politisch scheint es nach Bildungsgipfel, Schulentwicklungsplan und Gezerre um Gymnasialplätze gar nicht mehr strittig zu sein, wie eine Schule, wie Bildung heute aussehen soll, Hauptsache es steht „Gymnasium“ drauf.

Aber ist es das, was Kinder und Jugendliche in Frankfurt am Main und anderswo heute wirklich brauchen: ein Gymnasium um die Ecke, wie es viele gibt? Ich will darauf eine politische und zugleich pädagogische Antwort geben, die über die Diskussion über bloße Schulneubauten in Frankfurt hinaus weist. Ich muss dafür über Werte sprechen. Und genau darum sollte es gehen, wenn wir über Schule oder generell Bildungsinstitutionen sprechen.

Was wir uns nicht mehr leisten sollten

Bevor wir Schulen bauen, sollten wir uns darüber verständigen, wie die Schule aussehen soll, die ein Viertel, eine Stadt, eine Gesellschaft braucht. Wir sollten uns keine Schulen mehr leisten, die exklusiv, nicht ganzheitlich, nicht demokratisch und unreflektiert traditionsbewusst sind. Schulen müssen gesellschaftliche Werte, die die Basis unseres Zusammenlebens in Deutschland und schließlich auch der Welt ausmachen können, institutionalisieren und mit Leben füllen. Solche Werte oder Orientierungen für gute Schulen müssen nicht neu gefunden werden, sie sind längst beispielsweise von der UNESCO beschrieben worden. Es gibt viele Schulen, die genau diese Werte umsetzen: Inklusion, Handlungsorientierung, demokratische Beteiligung, Nachhaltigkeit und Offenheit spielen an diesen Schulen eine entscheidende Rolle. Ich will ganz in diesem Sinne vier werterelevante Ziele schulischen Lernens und Lebens besonders akzentuieren: Mit Vielfalt in einer Gemeinschaft und in der Gesellschaft akzeptierend umgehen können, alle Fertigkeiten und Fähigkeiten individuell entfalten können, sich mitbestimmend und handelnd einbringen können und die Welt kennen lernen können. Diese Ziele sollten uns auch gesellschaftlich so viel Wert sein, dass wir sie in Schulen realisiert wissen wollen.

Schulen müssen diese Werte nicht nur inhaltlich vertreten, sondern auch organisatorisch darauf eingestellt sein, diese Werte mit Kindern und Jugendlichen zu leben. Der Tagesablauf, die Stundenplangestaltung, die Fächerkombination, das Curriculum, die Haltung der Pädagogen, die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrkräften – alles das muss diese Werte tagtäglich tragen. Es erzieht Kinder nicht zur Toleranz und Offenheit, wenn bloß am Eingang der Schule ein Schild „Vielfalt ist wertvoll“ hängt.

Dies ist aber mitnichten eine Selbstverständlichkeit. Die meisten Schulen setzen ab dem fünften Schuljahr auf Exklusivität, fachliche Borniertheit und Leistungsdruck, weil auch Eltern es so wollen. Mit dem fünften Schuljahr beginnt nämlich ein Entsolidarisierungsmarsch der Bildungsorientierten. Laut einer Studie von Heitmeyer (2011) entwickelten viele Menschen eine pessimistische Sicht auf die gesellschaftliche Entwicklung: drei Viertel der Bevölkerung glauben, dass die Solidarität mit den Schwachen abnehme, weil sich der Lebensstandard in der Mitte der Gesellschaft verringere. Ein Drittel meine, dass man es sich in der Wirtschaftskrise nicht mehr leisten könne, allen Menschen gleiche Rechte zuzugestehen. Immerhin über 60 Prozent seien der Ansicht, dass in Deutschland zu viele schwache Gruppen mitversorgt werden müssten. Was vorher im Kindergarten und in der Grundschule an Inklusion, kultureller und sprachlicher Vielfalt in der Regel einigermaßen geschätzt oder auch nur geduldet wurde, ist mit dem zehnten Lebensjahr zu Ende. Unsere Kinder werden bewertet, beurteilt und auf die verschiedenen Schulformen hin empfohlen.

So richtig gewollt ist von Eltern und Kindern nur das Gymnasium, nach dem Motto: „Gymnasium ist oben“. Mit dem Gymnasium entledigt man sich als Vater oder Mutter der kulturellen Auseinandersetzung mit der großen Gruppe von Menschen, die migrationsbedingt eine andere Sprache als Deutsch spricht, man entledigt sich der Aufgabe, darüber nachzudenken, wie das Leben und Lernen mit behinderten oder gar schwerstbehinderten Kinder gemeinsam gelingen kann und man entledigt sich der Aufgabe, auszuhalten, dass andere Kinder viel schlechter rechnen oder schreiben können. Man fürchtet Niveauverlust. Eltern haben keinen Begriff davon, welche Zufriedenheit und Gelassenheit es bei Kindern bewirkt, wenn sie spüren, ich muss mich nicht dauernd mit meinem Sitznachbarn vergleichen, weil der sowieso andere Aufgaben erledigt. Lehrer und Lehrerinnen können sich zu einem hohen Anteil nicht vorstellen, dass Lernen auch in altersgemischten oder schlicht leistungsheterogenen Gruppen gelingt, weil sich die Kinder und Jugendlichen untereinander helfen, stützen, beraten oder auch etwas vermitteln können. Wie wirksam dieses „peer-Lernen“ ist, ist für viele Fächer bereits wissenschaftlich nachgewiesen und beobachtet. Aber immer noch herrscht die Vorstellung einer Schule, in der man alters- und leistungshomogene Gruppen in Klassen zusammenführen muss. Oft plagen Eltern die Sorgen, dass die Gewalt auf einem Nicht-Gymnasium größer wäre. Drogen, Alkohol und Mobbing scheinen fest mit einer bestimmten Schulform in Verbindung gebracht zu werden. Aber das entspricht nicht den Tatsachen. Nach einer Umfrage unter Schülern in Hamburg (Die Zeit/DAK Januar 2014) trinken ein Drittel der Gymnasiasten regelmäßig, während es nur ein Viertel der Haupt-, Real- und Regionalschüler tun. Das Geschlecht spielt hier übrigens eine größere Rolle als die Schulform.

Wir müssen uns entscheiden, welche Art zu leben, welche Art zu denken und welche Art zu arbeiten unsere Kinder lernen sollen und dabei spielt die Schulform tatsächlich eine Rolle, denn exklusive Schulformen können Inklusivität und Offenheit nicht vermitteln. Also, welche Schulen wollen wir?

Eine inklusive, ganzheitliche, demokratische und offene Schule denken und gestalten

Mit Vielfalt umgehen lernen, kann nur der, der auch in Vielfalt lebt. Kinder und Jugendliche müssen jeden Tag und in jeder Lernsituation damit umgehen, dass es langsame, schnelle, helle und tiefbegabte Köpfe gibt. Eine solche Vielfalt kann freilich schulisch nur gelebt werden, wenn Unterricht verlässliche individualisierte Phasen und Phasen des gemeinsamen Lernens gleichermaßen kennt, denn nur so erleben Kinder selbst, wie sie ihre individuellen, ganz unterschiedlichen Fertigkeiten und Fähigkeiten entfalten lernen und was sie mit ihren Fähigkeiten zum Gelingen gemeinsamen Handelns beitragen. Denn dass die Probleme unserer Gegenwart (Krieg, Flucht, Vertreibung, Umwelt, Technologien, Arbeitsverdichtung usw.) ein gemeinsames Handeln notwendig machen, scheint heute evident. In vielen Schulen gibt es mittlerweile Lernzeiten, Zeiten für selbstorganisiertes Lernen oder auch seltener Lernbüros, in denen Kinder und Jugendliche Themen, die man für fachlich, kulturell oder gesellschaftlich grundlegend hält, in ihrem individuellen Tempo erarbeiten und auch einen entsprechenden Test zu einem individuellen Termin schreiben. Erstaunlicherweise lernen Kinder und Jugendliche auch in solchen Schulen viel und schneiden keineswegs schlecht ab am Ende ihrer Schullaufbahn. Richtig fruchtbar sind diese Zeiten individuellen Lernens erst dann, wenn die Lernangebote und Materialien Freiräume zum Weiterdenken, zum selbstständigen und kreativen Denken lassen. Kinder und Jugendliche beginnen dann an eigenen Fragestellungen und Aufgaben zu arbeiten, die für sie selbst eine andere Relevanz besitzen als die, die von Lehrern gestellt werden. Diese Erfahrung mit Vielfalt im gemeinsamen Zusammenleben ist dann eine alltägliche und verbindliche. Eine einzelne Unterrichtseinheit zu „Vielfalt“ mit schönen Arbeitsblättern kann niemals zu dieser Erfahrung bei Kindern und Jugendlichen führen.

In Freiräumen entstehen Handlungsräume. Wenn Kinder und Jugendliche immer länger den Tag über an der Schule verbringen, müssen sie dort vorbereitete und offene Handlungs- und Spielräume vorfinden. In Projektphasen können sie eigene Fragestellungen entwickeln, die einer fachlichen Begleitung bedürfen, in leeren Räumen finden sie Möglichkeiten, einen Raum neu zu gestalten, in Phasen, in denen sie ins Leben müssen, können sie sich geschützt ausprobieren und dann wieder an den „sicheren“ Ort Schule zurückkehren, um dort ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Lehrerinnen und Lehrer spielen dabei eine wesentliche Rolle. Sie sind als Fachexperten, aber auch als Menschen mit Erfahrung gefragt. Denn das ist es, was die meisten Menschen zum Lernen brauchen: eine lebendige und vertraute Beziehung. Diese Beziehung ist durchaus eine rollenförmige, aber auch eine verbindliche. Deshalb sind stabile Beziehungen und regelmäßige Besprechungszeiten wichtig, zu denen sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene treffen.

Zu den bereits ausgeführten Zielen von Schule, die in die alltägliche Schulorganisation übersetzt werden müssen, gehört das, was Hanna Arendt die Auseinandersetzung mit der Welt, so wie sie geworden ist, nennt. Das bedeutet allerdings nicht, dass man alles, was man immer schon gelehrt hat auch weiter lehren muss, sondern bedeutet vielmehr, dass man die Welt im Zusammenhang verstehen lernt, um danach beurteilen zu können, ob man ändernd eingreifen möchte. Ich gehe davon aus, dass Kinder und Jugendliche die Welt, wie sie geworden ist, verstehen wollen. Aufgabe der Schule ist es, für diese Welt auch Verantwortung zu übernehmen und sie ernsthaft zu öffnen, so dass Kinder und Jugendliche sie erkunden können. Lehrer und Lehrerinnen müssen von einem Thema, einem Unterrichtsgegenstand, einer Frage überzeugt sein, sie müssen sich dem, was sie Kindern und Jugendlichen zumuten, selbst gerne widmen und Experten in die Schule holen, die in besonderer Weise Auskunft geben können oder mit Kindern und Jugendlichen etwas machen können. Eine ernsthafte längerfristige Auseinandersetzung mit Welt in diesem Sinne kann nicht gelingen, wenn Schule sich nicht öffnet.

Was wir uns leisten sollten

Alle diese Dinge sind an normalen Schulen mit normalen Kindern und Jugendlichen zu realisieren. Es braucht keine besonderen Gebäude und auch nicht zwingend mehr Mittel, sie müssen nur anders verteilt werden. Wer individualisierte Lernwege ermöglichen möchte, muss keine 100 gleichen Schulbücher anschaffen, sondern braucht eine Bibliothek, verschiedene Medien und andere Lernmaterialien, die anregend sind. Es gibt Schulen, auch in Frankfurt, die sich auf den Weg gemacht haben, eine inklusive, ganzheitliche, demokratische und offene Schule zu werden oder die es bereits sind. Sie gestalten ihre Räume als anregende Lernräume und verändern den Tagesablauf. Es ist weder mit einem besonderen Chaospotenzial verbunden, noch bleiben die Leistungen auf der Strecke. Welche Schulen Frankfurt und andere Städte und Gemeinden brauchen, ist also keine bloß finanzielle und auch keine bloß pädagogische Frage, sondern vielmehr eine gesellschaftspolitische Frage. Wenn wir bestimmte Werte für wichtig halten, müssen sich diese in der Organisation der Schule ablesen lassen. Wenn wir in der Schule das, was wir für wichtig halten, nicht alltäglich leben, dann gehen die wichtigen Dinge wieder verloren: Mit Vielfalt in einer Gemeinschaft und Gesellschaft akzeptierend umzugehen, alle Fertigkeiten und Fähigkeiten individuell entfalten zu dürfen, sich handelnd einbringen und die Welt neugierig kennen lernen zu können – dies muss sich in Angeboten, in der Kommunikation, in der Lernorganisation einer Schule wiederfinden.

Zurück zu Frankfurt: Es ist also nicht die Frage, ob in jedem Viertel einer Stadt ein Gymnasium stehen muss, sondern vielmehr ist die Frage: Wo sind die Schulen, die Zeit und Raum für die wirklich wichtigen Dinge bieten? Was wirklich wichtig ist, müssen wir gemeinsam bewusst entscheiden.

 

Eine Kurzfassung dieses Beitrages ist am 09.03.2016 in der Frankfurter Rundschau erschienen.

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