Wie das Recht auf Lernen durch ein Joker-Jahr gestärkt wird

Von Susanne Gölitzer

Schulpflicht

Die Schulpflicht erscheint in Deutschland in aller Regel als heilige Errungenschaft, die man öffentlich nicht in Frage stellt. Fragt man Lehrerinnen und Lehrer oder auch Schülerinnen und Schüler in der Pubertät danach, wie sie diese Errungenschaft einschätzen, dann verdrehen sie meist die Augen, machen abfällige Bemerkungen und scheinen sich alle auf eine Sprachregelung geeinigt: Unterricht im Alter von 14-16 Jahren bringt nicht viel, muss aber sein. Nun bedeutet dies meist nicht, dass die Jugendlichen in der Zeit ihres Erwachsenwerdens gar nicht von der Schule profitieren oder dass sie am liebsten bereits ins Erwerbsleben treten würden und der Schule auf Nimmer-Wiedersehen Adé sagen möchten. Die meisten Jugendlichen möchten durchaus noch etwas lernen, schätzen auch den vertrauten Rahmen der Schule, schenken dem einen oder anderen Lehrer auch Vertrauen, mögen es, jeden Morgen die Freundinnen und Freunde zu treffen und finden das eine oder andere, was da gemacht wird, auch interessant. Ich spreche hier, ich betone es, von einer großen Mehrheit von Schülerinnen und Schülern.

Selbstverständlich gibt es auch Jugendliche, für die jeder Tag an der Schule eine Qual ist und die zu Schulschwänzern werden. Meist hat dies schwerwiegende soziale oder persönliche Gründe, die nicht allein unterrichtlicher und pädagogischer Natur sind. Wenn ein 15 Jähriger betont, dass die Schule das Falsche vermittle und die 14 Jährige mault, die Schule sei langweilig, obwohl sie an Physik schwer zu knabbern hat, dann darf man das getrost auch als ein Ausdruck der Autonomieentwicklung verstehen. Das, was die Erwachsenen schulisch bereithalten müssen und wollen und ganz besonders die eingefahrenen Methoden: Lesen, Erarbeiten, Diskutieren, Zusammenfassen, darf man doof finden. Die Frage ist nur, ob wir daran festhalten sollten, dass Lernen in einer bestimmten Phase des Lebens gegen den Widerstand vieler Jugendlichen durchgesetzt werden muss und ob man nicht lieber von einer Schulpflicht zu einem Lernrecht gelangen möchte, das allen Jugendlichen ab 14 Jahren das Recht zuerkennt, Traditionen und sehr individuelle Eigeninteressen in einem ausgeglichenen Verhältnis zu erkunden.

Lernen und Bildung kann nun einmal nur gelingen, wenn man lernen will, und die Frage, ob man alle Kinder und Jugendlichen bis zum zehnten Schuljahr quälen muss, wenn sie überhaupt keine Lust mehr haben, sich mit Texten, theoretischen Fragen, Theorien und Modellen zu beschäftigen, ist durchaus überlegenswert. Wir sollten ernsthaft darüber nachdenken, ob es so etwas wie eine Lernpause geben könnte. Einen Joker gewissermaßen, den Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren einsetzen dürfen und der es eben jenen Lernüberdrüssigen ermöglicht, wichtige Lebenserfahrungen zu machen – die ja durchaus auch mit Lernen zu tun haben. Solche Erfahrungen könnten eine begleitete Reise, eine Unternehmensgründung, ein Ausflug ins Berufs- und Erwerbsleben, eine künstlerische Erfahrung, eine soziale Aktivität oder etwas Ähnliches sein. In einem bestimmten Alter sind solche Erfahrungen weit ergiebiger für alle Beteiligten, so dass in dieser Zeit unsere Schulen nur von denen bevölkert wären, die unbedingt Vokabeln büffeln, Klassiker lesen und Gleichungen lösen möchten. Nach diesem Jahr würden sich alle wieder in der Schule treffen und gemeinsam die Schulbank drücken, wie man so schön sagt.

In diesem Alter macht es kaum etwas aus, wenn man etwas grundlegend verpasst hat, weil man es vergleichsweise schnell wieder aufholt, wenn man möchte, und außerdem gäbe es ja auch die Möglichkeit, die Versäumnisse langsam aufzuarbeiten und etwas später die Mittlere Reife oder das Abitur zu machen. Machen wir uns nichts vor, wie ein Kollege immer zu mir sagt, Kinder und Jugendliche verpassen in der Schule nichts, wenn sie mit entwicklungsförderlichen und -notwendigen Herausforderungen, also relevanten Ereignissen umgehen müssen. Es mag dann schon sein, dass erst ein Sechzehnjähriger Merkmale einer Kurzgeschichte kennen lernt, weil er eben in dem Schuljahr, als dies eigentlich auf dem Programm stand, eine Schülerfirma in einem Altenheim gegründet hatte und in diesem Zusammenhang mit Geschäftsorganisation, aber auch mit den Bedürfnissen von älteren Menschen beschäftigt war, es würde auch vorkommen, dass eine 15 Jährige noch nicht sicher im Gebrauch der Kommaregeln ist und nicht den Konjunktiv I vom Konjunktiv II unterscheiden kann, aber mit der Renovierung eines Kinderladens beschäftigt war oder eine Vogelaufzuchtstation am Stadtrand unterstützt hat. In dem Jahr nach dieser monatelangen Schulabstinenz, die für Jugendliche Monate des selbstgewählten Engagements wären, müsste gepaukt, gebüffelt und mitunter auch nachgeholt werden. Was dann nicht mehr in den Kopf ginge, wäre getrost als Opfer an die Erfahrung zu verschmerzen.

Man möchte vielleicht einwenden, dass die Zeit zu knapp sei, um alles Wichtige zu lernen, die Universitäten müssten sich darauf einrichten, dass die Studienanfänger nicht gelernt hätten, wie man zitiert oder wie man wissenschaftlich denkt. Aber was wäre dieser Nachteil im Gegensatz zu vielen Jugendlichen, die endlich den Eindruck gewännen, die schulischen Veranstaltungen sind subjektiv bedeutsam und relevant für die eigene Entwicklung? Wenn dieses Joker-Jahr ein wirklich ernstgemeint subjektiv bedeutsames werden sollte, dann müsste man den Heranwachsenden in dieser Zeit tatsächlich die freie Wahl lassen, denn nur wenn die eigene Entscheidung frei und unabhängig fallen kann, kann sie als eine eigene gelten. Heranwachsende genau an diesen Punkt zu führen, nämlich, dass sie ihr eigenes Engagement und ihr Lernen als selbstbestimmt erleben, würde viele vermeintliche Schulversager zu Bildungsgewinnern machen.

Eine solche Selbstbestimmung braucht allerdings Zeit. Eine längere und für alle gleichlange Schulzeit von zehn Jahren und die Möglichkeit zu einer engagierten Unterrichtspause nähme Schülerinnen und Schülern den Druck, in einer Zeit, in der man sich nun Mal für die Welt und nicht für die Schule interessiert, seinen Interessen nachzugehen und den Lehrern den Druck, renitenten Lernern etwas mit Strenge einzuhämmern und den Eltern den Druck, den Druck noch zusätzlich zu verstärken, weil man um einen Schulabschluss bangen muss. Das Joker-Jahr inklusive eine verlängerte Pflichtschulzeit mit dem Lernrecht von zehn Jahren wäre also in dreierlei Hinsicht eine Win-Win-Situation.

Angesichts einer gestiegenen Lebensarbeitszeit dürfte es rententechnisch auch kaum etwas machen, wenn die jungen Menschen statt mit 16 Jahren erst mit 17 oder 18 in einen ersten Beruf gehen. Heutzutage wird von einem durchschnittlichen Hauptschüler erwartet, dass er die Rechtschreibregeln nicht nur beherrscht, sondern auch die Regeln dazu nennen kann, außerdem muss er Englisch lesen und schreiben können und längere Sach- und Erzähltexte verstehen. Wer meint, diese Anforderungen seien weniger anspruchsvoll als die Leistungsanforderungen, die ein durchschnittlicher Hauptschüler vor dreißig Jahren bewerkstelligen musste, irrt. Es kann kein Nachteil sein, wenn man allen Jugendlichen die Zeit lässt, komplexe kognitive Leistungen in Ruhe erwerben und zwischendurch die Liebe und das Leben entdecken zu können.

Nicht verzichten dürfte man freilich auf eine erwachsene und auch pädagogische Begleitung in diesen Joker-Monaten. Diese Erwachsenen könnten Lehrer und Lehrerinnen, aber auch Sozialpädagoginnen und –pädagogen oder Erzieherinnen und Erzieher sein. Sie alle verstehen etwas von den Entwicklungsaufgaben, denen Jugendliche ausgesetzt sind und behalten den Überblick über zu viel oder zu wenig Anforderung. Sie können Gruppendynamiken begleiten und individuelle Konflikte erkennen. Schule würde dann also nicht überflüssig, sondern erhielte eine andere Aufgabe. Die selbstgestellten Aufgaben könnten von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich komplex und anspruchsvoll sein, so dass nicht nur die Schülerinnen und Schüler angesprochen würden, die es in der Schule nicht auf einen Dreier schaffen, sondern auch die Schülerinnen und Schüler, die normalerweise sehr gute Leistungen im Unterricht erzielen, aber gleichwohl in der Pubertät mit „echten“ Lebensaufgaben beschäftigt sein möchten. Ein solches Joker-Jahr oder solche Joker-Monate wären also vollkommen schulformunabhängig. Entscheidend für das Gelingen wäre die freie Entscheidung für das eine oder das andere. Man würde also alle Jugendlichen nach dem achten Schuljahr vor die Wahl stellen, entweder wie bisher an Fachinhalten und in Projekten zu arbeiten (sofern dies in der Schule geschieht) oder für sechs bis zehn Monate an einem begleiteten sozialen oder kulturellen, sportlichen oder ökonomischen Projekt mitzuarbeiten. Die Schulpflicht würde zu einem Lernrecht: jeder Jugendliche entschiede selbst, ob er in die Schule gehen oder an einem begleiteten Projekt teilnehmen würde.

 

Eine Kurzfassung dieses Beitrages ist mit dem Titel „Lernrecht statt Schulpflicht“ am 26.08.2014 in der Frankfurter Rundschau erschienen.

© Foto (Ausschnitt): „Schule“, onnola/flickr.com, Creative Commons (CC BY-SA 2.0)