Von Susanne Gölitzer

Mitunter hat man den Eindruck, wenn öffentlich über Schule gesprochen wird, wird meist geschimpft, kritisiert und der schwarze Peter weitergegeben. Das führt nur selten zu einer echten Analyse der Probleme. Dabei ist es gut und heilsam, wenn ehrlich miteinander gesprochen wird. Zwei wesentliche Eindrücke aus der Schulwelt, die hinreichend belegt sein dürften, sind:

Die schulischen Leistungen einiger unserer Kinder und Jugendlichen sind nicht ausreichend genug, um in einer literalen und medialen Welt ökonomisch erfolgreich zu sein oder – noch dramatischer – sie reichen nicht einmal aus, um sich ordentlich zu orientieren.

Die Arbeit in der Schule ist heute für viele Lehrerinnen und Lehrer so kräftezehrend, dass sie sich den Anforderungen nicht mehr ausreichend gewachsen sehen.

Man mag diese zwei Befunde aus der Wissenschaft und der schulischen Praxis bewerten wie man will, wenn man etwas verbessern möchte, sollte man beides ernst nehmen und die Schule systemisch daraufhin betrachten, was sie unter welchen Bedingungen gut leisten kann. Mit anderen Worten: eine nüchterne und dialogische Betrachtung der Arbeit von Schule in der heutigen Gesellschaft tut Not. Die gesellschaftspolitischen Voraussetzungen für die erzieherische und bildende Arbeit in der Schule sind 2017 andere als noch vor zwanzig Jahren. Dazu ein paar Thesen:

In der Schule kommen unterschiedliche Milieus und soziale Schichten zusammen, die sich immer weniger in anderen gesellschaftlichen Bereichen begegnen oder etwas miteinander teilen.

Die sprachliche, religiöse, soziale, kulturelle, weltanschauliche Heterogenität der Familien von Kindern und Jugendlichen hat stark zugenommen. Ebenso zugenommen haben die erzieherischen Aufgaben im Zusammenhang mit Medien, Zusammenleben in Vielfalt, Ganztagsbetreuung usw.

Der Wert von Bildungsabschlüssen hat sich stark verschoben, wenn nicht geändert: ein Hauptschulabschluss ist kein adäquater Abschluss mehr, das Abitur der neue Volkschulabschluss, das Grundstudium das neue Abitur; ein Abschluss zählt generell gegenüber einem glücklichen Händchen, mit dem man Geld machen kann, nicht mehr viel.

Es dürfte unstrittig sein: Jedes Kind hat ein Recht auf Lernen und muss einen ordentlichen Schulabschluss machen können. Dies gelingt aber nur, wenn man auf gesellschaftliche Veränderungen selbstbewusst reagiert: Viele kleine Schulen (600 Schülerinnen und Schüler) sind effektiver als eine große. Hier können in der Schulgemeinde echte Begegnungen stattfinden, man kann schneller auf Ausgrenzung, starre Gruppenbildung und andere durch Anonymität begünstigte ungute Entwicklungen reagieren. Der verbindliche persönliche Bezug zwischen Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern und Erziehungsberechtigten ist an kleinen Schulen leichter zu kultivieren.

Mit Vielfalt muss alltäglich im Schulleben gerechnet werden. Deshalb müssen Lehrkräfte mit unterschiedlichen Erfahrungen, Psychologen, Sozialpädagogen, Künstler, Krankenschwestern, Therapeuten, Supervisoren, Handwerker usw. zusammenarbeiten. In den Räumen müssen verschiedene Medien, verschiedene Angebote zum Lernen, verschiedene Bewegungsformen möglich sein. Ein nackter Raum mit Tischreihen kann auf Vielfalt keine Antwort geben.

Lehrkräfte, Eltern oder Erziehungsberechtigte und Schülerinnen und Schüler müssen heute eine Lernpartnerschaft eingehen, ein Arbeitsbündnis, in dem die unterschiedlichen Erfahrungen und die Erfordernisse einer Institution immer wieder neu ausgehandelt werden. Wenn Eltern ihren Kindern keine Grenzen mehr setzen, kann die Schule die Eltern und die Kinder dabei unterstützen, gleichwohl Grenzen einhalten zu lernen. Umgekehrt gilt das auch: Zu enge Grenzen im Elternhaus stellen die Schule vor die Aufgabe, Kinder im Umgang mit Freiheit fit zu machen.

Wenn es nicht mehr ausreicht, einen bestimmten Bildungsabschluss zu haben oder es gesellschaftlich vielleicht gar nicht mehr besonders relevant ist, welchen Bildungsabschluss man hat, ist es umso wichtiger, dass Kinder die Erfahrung machen, sie können in der Schule wichtige Kenntnisse erwerben, verbindliche und bedeutungsvolle Beziehungs- und Gemeinschaftserfahrungen machen und nachhaltige Fähigkeiten entwickeln. Im Frontalunterricht kann man wichtige Kenntnisse erwerben, in der Regel erleben sich Schülerinnen und Schüler hier aber nicht als eine politisch und sozial verantwortungsvolle Person. Aber gerade darauf kommt es an.

Die Schule ist heute eine wichtige sozialisatorische Instanz für Kinder und Jugendliche. Lehrerinnen und Lehrer übernehmen eine sehr schwierige Aufgabe, bei der sie Unterstützung verdienen. Bildungspolitisch bestünde die Unterstützung darin, die räumlichen und personellen Bedingungen für einen professionellen und entspannten Umgang mit Vielfalt zu ermöglichen. Es darf nicht knapp kalkuliert, sondern es sollte großzügig gerechnet werden. Die Gestaltung des Schullebens muss stärker in die Hände der Schulgemeinde gegeben werden: Autonomie, Verantwortungsübernahme und Freiheit gehören zusammen. Auch die Lehrerarbeitszeit muss ganz neu berechnet werden.

Auch die Wissenschaft kann die Schule unterstützen. Sie kann den Lehrkräften Evaluationsinstrumente an die Hand geben, angehende Lehrkräfte fundiert auf Lernprobleme, soziale und entwicklungspsychologische Erfordernisse vorbereiten. Die zweite Phase dagegen, in der jede Lehrkraft auf ein Unterrichtsmodell vorbereitet wird, das längst nicht mehr zeitgemäß ist, muss überdacht werden. Ein reger Austausch von Lehrkräften und Wissenschaftlern nützt beiden Bildungsfeldern.

Wenn Schule ihren Aufgaben gewachsen sein soll, dann braucht es eine echte Verständigung aller, die mit Schule zu tun haben: Schülern, Eltern, Lehrkräften, Bildungsadministration, Wissenschaftlern. Nur messen, kontrollieren und schimpfen hilft niemandem.

 

Eine Kurzfassung dieses Beitrages ist in der Frankfurter Rundschau erschienen.

© Foto: Mathias Fechter