Von Susanne Gölitzer

Jedes Jahr in der Zeit von Weihnachten bis zum ersten März, wenn Kinder in den Grundschulen von ihren Eltern und ihren Lehrerinnen und Lehrern dazu beraten werden, auf welche Schule sie nach Abschluss der vierten Klasse gehen sollen und können, fragen mich Eltern, woran sie erkennen, ob eine Schule die geeignete wäre für ihr Kind oder umgekehrt, ob ihr Kind geeignet sei für eine Schule. Ich möchte gerne antworten: Ihr Kind muss sich nicht eignen für eine Schule – eine Schule sollte sich für Ihr Kind eignen. Jede Schule sollte sich für ein Kind eignen.

Wir kennen doch mittlerweile die Faktoren guter Schulen, die mit vielfältigen sozialen, kognitiven und kulturellen Voraussetzungen umzugehen gelernt haben: transparente Regeln und Rituale, Selbsttätigkeit und Eigensinn, gemeinsame Erlebnisse und Kultur, demokratische Teilhabe, vielfältige Lerngelegenheiten in der Peergroup, unterschiedliche Sozialformen und individuelle Lernwege, anregende Lernräume und Herausforderungen.

Allein schon der Gang durch ein Gebäude erzählt, ob Kinder und Jugendliche in einer Schule etwas davon finden können: Gibt es für unterschiedliche Kinder und Jugendliche ein Lernangebot, das sie neugierig macht, das Freude weckt und an die unterschiedlichen Voraussetzungen anknüpfen kann? Sind die Räume so eingerichtet, dass man sitzend, liegend, stehend etwas entdecken kann, was Fragen weckt? Ein Raum, in dem man tagtäglich lernt, muss so eingerichtet sein, dass Nachschlagewerke greifbar sind, digitale Ressourcen angezapft werden können, Papier, Stifte und andere Lernmaterialien zur Verfügung stehen. Kinder und Jugendliche brauchen Nischen, kleine und große Räume, Farben und Formen, die zum Bleiben anregen und nicht zum Gehen. Sie müssen wissen, wo sie geeignete Aufgaben finden und welche Regeln gelten: in welchen Räumen kann man mit Freunden über ein Thema laut diskutieren und in welche Nischen, Räumen oder Ecken muss man leise oder gar ganz still arbeiten? Sie müssen wissen, wo sie Hilfen und Unterstützung finden, wen sie ansprechen dürfen.

In einer Schule, die sich nach dem Kind richtet, fragt man nicht nach dem Jahrgang, wenn es darum geht, eine Frage zu bearbeiten, sondern es gilt: „Bist du bereit?“ Kinder und Jugendliche lernen am besten in Peergroups – in Gruppen, in denen Freunde sind oder einfach andere Kinder und Jugendliche, die das gleiche Interesse teilen.

In einer Schule, die sich nach dem Kind richtet, können alle Lernprozesse in ihrem Fortschreiten beschrieben werden: kleine und große, schnelle und langsame. Noten sind kein geeignetes Mittel, um Kompetenzen zu beschreiben und Mut zu machen, sich Aufgaben zu stellen und Probleme zu lösen. Und es gibt eine Menge Probleme, die heute und in Zukunft gelöst werden müssen. Kinder und Jugendliche haben ein Recht darauf, dass in der Schule die Erkenntnisse der Vergangenheit mit den Erfordernissen der Zukunft verknüpft werden. Dies muss immer wieder neu geschehen. Lehrkräfte sind dafür verantwortlich, diese Verknüpfung in geeigneter Weise zu ermöglichen, Fragen zu entwickeln, Material bereitzustellen, Erkenntnisse so aufzubereiten, dass Kinder und Jugendliche daraus Lösungen entwickeln können: für ihre eigene Zukunft. Lehrkräfte sind also nicht die, die die Lösungen zur Verfügung stellen, sondern sie sind dafür da, individuelle Entwicklungs- und Bildungsprozesse zu begleiten, sozial einzubinden und ihr eigenes Wissen und Können als Ressource zur Verfügung zu stellen. Selbstverständlich erziehen sie in diesem Tun auch. Sie ermahnen und stellen Erwartungen, beraten und verlangen, helfen und stellen zur Verfügung.

In einer Schule, die sich nach dem Kind richtet, wissen Lehrkräfte, dass sie eine wichtige Funktion haben für den Bildungs- und Erziehungsprozess, weil sie Vorbild sind und allen Kindern und Jugendlichen gleichermaßen offen gegenüberstehen. Sie müssen weder alles wissen, noch alles können, sie sind einfach bereit dazu, mit und von Kindern zu lernen. Deshalb muss man Lehrkräften in einer Schule auch begegnen können. Verschlossene Türen, leere Flure sind keine Einladung zum gemeinsamen Lernen.

In einer Schule, die sich nach dem Kind richtet, arbeiten Lehrerinnen und Lehrer, Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen, Erzieherinnen und Erzieher, Künstlerinnen und Künstler, Handwerkerinnen und Handwerker, Eltern, Studierende und viele andere zusammen. Sie wissen, dass Bildung und Erziehung eine Gemeinschaftsaufgabe ist und eine gemeinsame Haltung, die alle teilen und für die alle einstehen, braucht. Diese Menschen tauschen sich aus und arbeiten in Netzwerken, oft sogar deutschlandweit oder europaweit. Sie lassen sich anregen von anderen interessanten Schulen und lassen sich besuchen. Sie suchen Feedback und Rat, wenn es einmal nicht so läuft wie geplant.

In einer Schule, die sich nach dem Kind richtet, machen niemals alle Kinder und Jugendlichen das gleiche. Ganz im Gegenteil machen immer alle etwas, was zu ihrem Lern- und Entwicklungsstand passt und bringen sich so bei gemeinsamen Vorhaben ein, so dass die unterschiedlichen Herangehensweisen etwas beitragen. Dazu braucht es mitunter kleine Gruppen und verschiedene Räume. Lehrkräfte bieten in unterschiedlichen Räumen Unterschiedliches an. Diese Unterschiedlichkeit ist eine, von der alle lernen können und die Schülerinnen und Schüler nicht auseinanderbringt, sondern wieder zusammen.

Auch in Schulen, die sich nach dem Kind richten, wird es Kinder geben, die wir mit unseren Angeboten nicht erreichen. Aber wir hören auf damit, dass jedes Jahr im Sommer viele Schülerinnen und Schüler die Schule oder die Klasse wechseln müssen, weil sie den kognitiven oder sozialen Anforderungen nicht genügen. Wir können dann darauf schauen, was Kinder wirklich brauchen, um sich gut zu entwickeln, um zu lernen und was wir noch ändern müssen, damit wirklich alle Kinder und Jugendlichen an unseren Schulen gut aufgehoben sind.

Wir sollten aufhören, geeignete Schulen für unsere Kinder zu suchen und stattdessen alle Schulen zu Schulen machen, die geeignet sind für alle unsere Kinder. Ideen und Vorbilder gibt es genug!