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Experimentelle Gemeinschaftsküche

Sich auf die eigenen Sinne und Fähigkeiten verlassen lernen

Von Mathias Fechter

Essen kann ein recht sinnliches und aufregendes Erlebnis sein. Oft genug reduziert sich Essen leider nur auf notwendige Nahrungszufuhr: Wir essen dann achtlos, ohne bewusst und aufmerksam zu schmecken. Es kann bereichernd sein, wenn wir beim Essen wieder mehr auf unsere Sinne achten: Schmecken, aber auch Riechen und Schauen. Die ästhetische Erfahrungsebene des Essens in den Mittelpunkt zu stellen, die Sinne zu wecken und zu schulen ist das Ziel der experimentellen Gemeinschaftsküche. Es geht aber um noch viel mehr: sich auf die eigenen Sinne und Fähigkeiten verlassen zu lernen und mit anderen gemeinsam das Risiko des Ausprobierens einzugehen.

Auch beim Kochen feiert das Expertentum fröhliche Urständ. Kochbücher mit Rezepten und Anleitungen sind en vogue und dürfen in keinem Haushalt, der etwas auf sich hält, fehlen. Zwar ist selber Kochen immer noch besser, als vorfabrizierte Massenware zu sich zu nehmen, aber mit den Kochbüchern wird sich voll und ganz auf „Experten“ verlassen. Die TV- und Star-Köche sind die neuen Gurus, ihre Rezepte werden gläubig gekocht oder zumindest rezipiert, weil man vielleicht glaubt, es alleine nicht so gut hinzubekommen.

Seit Ivan Illich wissen wir, dass Expertentum eine zweischneidige Sache ist. Experten unterstützen uns, ab einem bestimmten Grad der Unterstützung jedoch führt dies zum Verlust unserer Fähigkeit, uns selbst helfen zu können. Auf das Kochen übertragen bedeutet das: Die Starkoch- und Rezeptgläubigkeit blockiert den Aufbau von Fertigkeiten, die es erlauben, Essensgerichte ohne fremde Hilfe zuzubereiten. Ja, noch mehr: Sie verhindert, Gerichte und Geschmackskombinationen zu kreieren, die dem eigenen idiosynkratischen Geschmack entsprechen oder ihn möglicherweise erst entfalten würden.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich vortrefflich streiten, denn gerade beim Geschmack kommt die Individualität einer Person zum Vorschein. Hier zeigen sich nicht nur einzigartige angeborene Dispositionen, sondern auch das kumulierte Ergebnis eines einzigartigen sozialisatorischen Entwicklungsprozesses. Du bist, was dir schmeckt – Schmecken ist leiblich gebundene Individualität und daher nicht hintergehbar. Was für eine verpasste Gelegenheit also, seinen eigenen Geschmack nicht mit individuellen Gerichten befriedigen zu können. Die standardisierten Rezepte unserer Kochgurus können das nicht leisten. Sie erziehen unseren Geschmack eher, als dass sie ihn zur Geltung bringen.

Selber machen wäre also die Alternative – nicht nur das Kochen, sondern auch die Rezepte. Wie kann das gehen?

Improvisation und Kommunikation können hier weiterhelfen:

Improvisation ist das Herantasten an den eigenen Geschmack. Quasi das Zusammenspiel von kochender Aktion und geschmacklich-sinnlicher Reaktion: Ich kombiniere bestimmte Lebensmittel und Zutaten, schmecke sie und entscheide dann, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Am Ende steht ein Gericht, dass es vielleicht so noch nie gab, aber ein einzigartiges Geschmackserlebnis bietet.

Wir können nicht leben ohne die anderen. Sie spiegeln uns, bereichern uns mit ihren Erfahrungen und weisen uns hin und wieder auf Irrtümer und Selbsttäuschungen hin. So auch beim Kochen: Das gemeinsame Kochen mit anderen, das Gespräch und der Austausch dabei – kurz: Kommunikation – hilft uns, das Richtige zu machen und Fehler zu vermeiden.

Improvisation und Kommunikation sind daher entscheidende Zutaten beim Entwickeln eigener Kochrezepte. In der experimentellen Gemeinschaftsküche stehen sie im Zentrum. Wir lernen dabei, in Kommunikation mit anderen auf unser eigenes Urteil zu vertrauen. Eine Fähigkeit, die nicht zu unterschätzen ist, wenn man sein Leben nach eigenem Geschmack gestalten möchte.

 

Die Methode der experimentellen Gemeinschaftsküche

Bewährt hat sich folgende Methode der experimentellen Gemeinschaftsküche:

  • Die ideale Gruppengröße besteht aus ca. 10 Personen.
  • Zu Beginn wird das gemeinsame Vorhaben besprochen: Ziel ist es, ein Abendessen mit drei Gängen zu kochen, das anschließend gemeinsam verspeist wird.
  • Nach dem Zufallsprinzip werden drei Teilgruppen eingeteilt. Die Bildung von eingespielten Teams wird dadurch vermieden. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass eingefahrene Kochwege verlassen werden und gemeinsames Improvisieren mehr Gewicht erhält.
  • Die Teilgruppen haben die Aufgabe innerhalb von max. 2 Stunden Vorspeise, Hauptgang und Nachspeise zu kochen.
  • Die zu verarbeitenden Lebensmittel sind den Teilnehmern vorab nicht bekannt. Sie sind so zusammengestellt, dass keine gängigen Kochrezepte zur Anwendung kommen können. Gefragt sind Phantasie, Experimentierfreude und kollaborative Intelligenz. Jeder bringt sein Wissen, seine Ideen und seinen Geschmack ein, so dass aus den bereitgestellten Lebensmitteln für alle ein überraschendes Menü entsteht.
  • Was alles entstehen kann, wenn verschiedene Menschen ihre individuellen Erfahrungen beim Kochen in der Gruppe einbringen, kann anschließend beim gemeinsamen Abendessen diskutiert werden.

Die hier vorgestellten Ideen basieren auf den Erfahrungen der „Experimentellen Salonküche“, die wir im Salon Slalom durchgeführt haben. Weitere Infos sind hier zu finden.

© Foto: Jörg Krause

1 Comment

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